Ein Carmen figuratum aus der Feder Abaelards

© Dr. Werner Robl, Juli 2003

Im Jahr 1986 veröffentlichte Ulrich Ernst im Mittellateinischen Jahrbuch ein bis dahin von der Abaelard-Forschung außer Acht gelassenes Figurenfedicht, welches den Manuskriptvermerk trägt: Versus magistri Petri Aboelardi [sic]. Dieses Gedicht, auf welches bereits Oudot de Dainville in einer Miszelle aus dem Jahr 1926 aufmerksam gemacht hatte (Oudot de Dainville: Vers attribués à Pierre Abélard, in: BECh 87, 1926, S. 236-237) findet sich in zwei Manuskripten, welche weit von Abaelards Lebenskreis entfernt, im Süden Frankreichs, entdeckt wurden.

Manuskripte

Manuskript Sigle M: Montpellier, Archives de la Région de Languedoc-Roussillon et de l'Hérault, 10 F 103, fol. 2v., aus Sainte-Marie de Quincy, Diöz. Langres;  spätes 12. Jhd.

Das Gedicht findet sich inmitten dreier Pergamentblätter, umrahmt von zwei Geschichten über Eucharistiewunder in Mantua und Arras. Die von einer frühgotischen Hand des späten 12. Jhd. geschriebenen Blätter - der Schreiber hieß Raimundus Maletus und stammte aus der Zisterzienserabtei Berdoux - befanden sich ursprünglich in  einem Liber Sancte Marie Quinquiacensis, d. h. einem Wunderbuch der Zisterze Sainte-Marie in Quincy an der Côte d'Or.

Manuskript Sigle A: MS BM Avignon 342, fol. 1v., , Zölestiner von Avignon, 15. Jhd.

 

Das Gedicht bildet Blatt 1 (Frontispiz) der aus insgesamt 170 Blättern bestehenden Handschrift MS 342 (ancien fonds) BM Avignon, 15. Jhd. und befand sich vormals im Besitz der Zölestiner in Avignon. Der teils auf Pergament, teils auf Papier niedergelegte Codex nennt sich Itinerarium ad sanctam civitatem Christi. Es handelt sich um eine Sammlung mit Texten verschiedener Kirchenschriftsteller.

Formaler Aufbau des Gedichts

In beiden Manuskripten besteht das Gedicht aus zwei konzentrischen Kreisen, die in dem einen Fall durch 13, in dem anderen durch 10 Speichen unterteilt werden.

Bei Manuskript M werden zuerst die Verse, vom O in der Mitte oben beginnend, im äußeren Kreis entsprechend dem Uhrzeigersinn gelesen, dann die Verse der Speichen, die vom äußeren Kreis über die Schnittstellen des Innenkreises zum Mittelpunkt laufen, wobei in den äußeren Kreissegmenten gegen den Uhrzeigersinn, im inneren Kreis von O im Uhrzeigersinn zu lesen ist. Alle Verse beginnen mit einem O als Anlaut; insofern ähnelt das Carmen einem Akrostikon, d. h. einem Gedicht, dessen Anfangsbuchstaben einen Sinnzusammenhang ergeben. Metrisch gesehen stellen die beiden ersten Verse Hexameter, die folgenden Distichen dar, welche dem Usus des 12 Jahrhunderts entsprechend mit leoninischen Binnenreimen durchsetzt sind.  Dabei hat die Zusammenstellung dem Schreiber offensichtlich einige Schwierigkeiten bereitet. Es finden sich neben einem inkonsequent gefüllten Speichensatz - drei davon sind leer geblieben - auch diverse Rasuren, redundante O-Initialen u. andere Mängel, was dafür spricht, dass dem Schreiber das Gedicht zur Transkription nur als Prosatext vorgelegen hat. Weniger wahrscheinlich ist die Annahme, der eigentliche Urheber des Gedichts hätte dieses derart unvollständig und wenig auskonstruiert hinterlassen.

In Manuskript A findet sich ein weitaus gekonnterer Aufbau: Neben einer sinnvoll korrigierten Speichenzahl fällt eine zentrifugale Lesart der rubrizierten und manchmal sogar zweizeilig fixierten Speichentexte auf, sowie eine durch entsprechende Anordnung erreichte, ausschließliche Konstitution in Distichen, mit veränderter Versfolge und somit etwas veränderter Lesart. Insgesamt stellt die Variante M eine weitaus stringentere und virtuoser ausgeführte Komposition dar. Sie spiegelt deshalb  nach U. Ernst eine von A unabhängige Überlieferung wieder und reflektiert trotz des späteren Entstehungszeitraums besser die ursprüngliche Autorenintention als die ältere, defektive Variante A.

Wer sich näher mit der formalen Struktur der beiden Varianten beschäftigen will, sei auf die Arbeit von U. Ernst verwiesen: Ein unbeachtetes Carmen figuratum des Petrus Abaelardus, in: Mittellateinisches Jahrbuch 21, Stuttgart 1986, S. 125-146.

Textkonstitution

Trotz der geschilderten Qualitätsunterschiede zog U. Ernst bei der linearen Texterschließung Manuskript M wegen seines Alters als Leithandschrift heran, berücksichtigte allerdings auch die Varianten und Zusätze von A. Hieraus ergibt sich die unten abgebildete Textgestalt. Obwohl sich Speichengedichte dieser Art wegen ihres artifiziellen Aufbaus und ihrer oft kryptischen Inhalte schwierig in zeitgenössische Sprache übersetzen lassen, ist für den nicht lateinkundigen Leser eine freie deutsche Übersetzung beigefügt.

 

Versus magistri Petri Aboelardi de incarnatione Domini et reparatione lapsi

Die Verse des Meisters Peter Abaelard über die Menschwerdung des Herrn und die Wiedergutmachung des Sündenfalls

Äußerer Kreis

01  Omnibus ostendo, quod homo sum corpus habendo
02  Occultusque polo solio Deus impero solo.

Strahlen

03  Olim primus homo male pro uetito sibi pomo
04  Obruit et dono nunc caret ipse bono.
05  Obsequitur dicto mulieris, meque relicto,
06  Obrutus igniuomo carcere deflet homo.
07  Ossa manusque ligo terit; ejus nouit origo
08  Orbis in exilio, subdita supplicio
09  Ore loquens mundo, qui mundi climata fundo,
10  Oppressis proprio munere subuenio.
11  Orbem consilio patris renouans, homo fio,
12  Ortus Patre Deo uentreque urgineo.

Innerer Kreis

13  O adiuvo quod dono, do quod volo, dampno, corono.
14  Omnia solus ego rex sine fine rego.

Äußerer Kreis

Allen offenbare ich, dass ich aufgrund meines Körpers Mensch bin,
doch zugleich verborgen als Gott über Himmel und Erde gebiete.

Strahlen

Einst hat sich der erste Mensch für die verbotene Frucht übel zugerichtet und entbehrt nun selbst der guten Gabe.
Er hat mich verlassen und folgt dem Befehl der Frau,
und weint als Mensch erdrückt im feuerspeienden Kerker.
Der Spieß verletzt seine Knochen und Hände; so kennt es sein Stamm im irdischen Exil, dem Todesgericht verfallen.
Ich spreche reinen Mundes und teile die Erde in Zonen.
So helfe ich den Bedrückten mit eigenem Geschenk.
Nach dem Ratschluss meines Vaters erneuere ich die Welt und werde Mensch, geboren aus Gottvater und jungfräulichem Schoß.

Innerer Kreis

Ja, ich helfe, weil ich schenke, ich gebe, was ich will, verurteile, kröne.
So lenke ich alles, König allein ohne Ende.

 

Literaturgeschichtliche Einordung

U. Ernst wies darauf hin, dass literaturhistorisch dieses Speichengedicht keinen Einzelfall darstelle, sondern sich nahtlos in eine Reihe von ähnlichen Figurengedichten einreihen lasse, die zum großen Teil innerhalb der Monumenta Germaniae Historica wiedergegeben sind und ihren Ursprung schon in der karolingischen und ottonischen Zeit nähmen (sogenannte spatiale Liniengedichte). Besonders eng verwandt seien dabei folgende Werke:

Formaler und inhaltlicher Aufbau

Inhaltlich beschäftigt sich das Gedicht mit der Soteriologie. Ausgehend vom Sündenfall Adams und Evas schildert es das Erlösungswerk Christi, unter Berücksichtigung seiner Doppelrolle als Mensch und Gott. Dabei ist der Text als Christus-Monolog ausgelegt, weshalb gattungsgeschichtlich ein sogenanntes Rollengedicht vorliegt. Auch wenn grundsätzlich die Versöhnung des Menschen mit Gott thematisiert wird, so liegt am Ende der Schwerpunkt doch nicht auf der Liebe, sondern der scheidenden Gerechtigkeit und Macht Christi, der vor allem im Schlusssatz  - analog zum Motiv der byzantinischen Iconographie - als Christus Pantokrator erscheint.

Auch wenn in den erhaltenen Handschriften das Gedicht nur transkribiert wiedergegeben ist, so scheint der Rota-Charakter als solches bereits zur ursprünglichen Autorenintention gehört zu haben. So kann man in dem doppelten Speichenrad zunächst das Symbol des von Christus beherrschten Erdkreises erkennen, jedoch zusätzlich ein weitergehendes christologisches Programm: Die Speichen ahmen nicht nur den Erlösungscharakter des Kreuzes nach, sondern konzentrieren den Blick des Betrachters bewusst auf Christus, der als Zentralfigur in der Radnabe in Form des Omega erscheint. Mit dieser Konstruktion spielt das Carmen auch auf kommende Gestaltungsmittel der Archetektonik an, z. B. auf die Fensterrosetten der gotischen Kathedralen, oder auf ikonographische Kosmos-Diagramme (z. B. Rad der Jahreszeiten, Rad der Winde, Sonnenrad). Wollte man den inneren Kreis als Sonne und den äußeren Rand als Ring um die Sonne annehmen, könnte man das ganze sogar als Ausdruck der Epiphanie des Herrn ansehen.

Urheberschaft

Dieser Punkt leitet über zur Autorenfrage. Beide erhaltenen Versionen, die sich im Detail so sehr unterscheiden, weisen eindeutig Meister Peter Abaelard als Verfasser aus, wobei aus manuskriptologischen Gründen auch feststeht, dass diese Überschriften in beiden Fällen nicht von späterer Hand hinzugefügt wurden. Allerdings erscheint uns im Gegensatz zu U. Ernst wegen der Nähe der Auffindungsorte - Montpellier und Avignon - nicht ganz so sicher, dass beide Versionen wirklich unabhängig voneinander entstanden sind. Doch in der Tat hatte Peter Abaelard in seiner Predigt über die Beschneidung expressis verbis auf den Sonnenkreis des Heiligen Paulus hingewiesen, der die Epiphanie des Herrn verkündete:

Refert quippe idem Paulus in eodem tractatu, praedicti tempore imperatoris, hora circiter tertia, repente liquido serenoque die circulum ad speciem coelestis arcus orbem solis ambisse, et Romae sub eodem Caesare de taberna meritoria olei largissimum liquorem per diem integrum emanasse. Quae praefato quid aliud praetendebant, nisi cum eodem tempore nasciturum esse, qui tam coeli quam terrae monarchiam obtineret? Quid enim praedicta corona solis, aut de terra unctio profluens, nisi coeli pariter ac terrae promittebat regem? Ipse quippe Salvator tam sol justitiae, quam Christus a chrismate, id est unctus ab unctione, nuncupatus est.

Aus diesen Worten lässt sich schon ein kosmologisches Interesse Abaelards erkennen, wie es das Gedicht repräsentiert. Das Wort- und Verskontigent des Gedichts selbst ist allerdings viel zu schmal, um Abaelards Autorenschaft weiter zu untermauern. Wie in diesem Werk bevorzugte auch Abaelard in seinen Planctus die erzählerische Ich-Form oder er war gewandt in der Abfassung von Distichen, wie z. B sein Carmen ad Astralabium belegt, aber dies allein trägt noch keinen Beweischarakter. Und ein für ihn spezifischer Stilausdruck oder Wortgebracuh kann bei der ausgesprochen artifiziellen Struktur des Gedichts beim besten Willen nicht herausgelesen werden. Wollte man sich an der im Gedicht anklingenden Misogynie stoßen, die im Gegensatz zu Abaelards Hochschätzung der Frau in seinen Briefen steht, so muss man berücksichtigen, dass Peter Abaelard andernorts ähnlich misogyne Worte hat anklingen lassen, z. B. in seinem Lehrgedicht für seinen Sohn.

Spärliche Überreste der Zisterzienser-Abtei Quincy bei Tanlay in der Diözese LangresNicht übersehen darf man die Tatsache, dass das Manuskript M in unmittelbarer Nähe zu Peter Abaelard entstanden ist, sowohl örtlich als auch zeitlich gesehen. Bei einer Niederschrift um 1175 dürfte der Zisterziensermönch Raimund Malet Peter Abaelard noch persönlich, zumindest aber durch authentische Berichte von Zeitzeugen gekannt haben. Geographisch gesehen, fand die Niederschrift in großer Nähe zu den Lebensorten Peter Abaelards in seinen letzten Jahren statt. Die von Pontigny aus um 1132 gegründete und um 1139 geweihte Zisterze Quincy, von der sich heute nur noch einige unbedeutende Reste erhalten haben (siehe Bild), lag bei Tanlay am Ufer eines Nebenflüsschens des Armacon, in der Nähe von Tonnerre in der Diözese Langres. Dieser Ort ist nicht weit von Abaelards letzten Konvent Cluny, vor allem aber von seinem Sterbeort Saint-Marcel bei Chalon-sur-Saône entfernt.

Sollte das Gedicht also wirklich aus der Hand Peter Abaelards stammen, wogegen jedenfalls kein ernsthaftes Argument ergibt, so spricht es nicht nur für die schöpferische Originalität seines Verfassers, die ja auch andernorts zu erkennen ist, sondern auch für eine Entstehung in seiner letzten Lebensphase, als sichtbarer Ausdruck seines nunmehr verstärkten Orthodoxiebestrebens.


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