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| Der Stammbaum der Hersendis von Champagne |
Die Geschichte begann im Herbst 1998, als uns ein nicht sehr umfangreiches lateinisches Kartularium des Klosters Marmoutiers bei Tours in die Hände fiel, welches im 19. Jahrhundert in Druckfassung erschienen war und die frühmittelalterlichen Besitzurkunden Marmoutiers im Raum Vendôme enthielt: Trémault, M. de, Cartulaire de Marmoutiers pour les Vendômois, Paris-Vendôme, 1893. In den Urkunden fanden sich sage und schreibe fünfzehn verschiedene Personen namens Fulbertus, zitiert an einunddreißig Stellen. Das um ein Vielfaches umfangreichere Kartularium von Paris, Lasteyrie, R. de, Cartulaire Générale de Paris, Tome Premier, 28-1180, Paris, 1887, wies dagegen trotz mehrfachen Umfangs nur maximal sieben Personen dieses Namens aus - Heloïsas Onkel Fulbert war dabei der mit Abstand am meisten genannte.
Diese und andere Merkwürdigkeiten gaben den Anlass, die Suche nach Heloïsas Familie erneut und unter geändertem Blickwinkel aufzunehmen. Die sich anschließende, über zwei Jahre dauernde Recherche in Werken von und über Heloïsa und Abaelard, sowie in den Urkundenbüchern, Kartularien, Totenbüchern, Chroniken und Genealogien der Epoche nahm mitunter schweißtreibende Ausmaße an. Viele der Werke zeigten hohes Alter und konnten nur mit großer Mühe aus den jeweiligen Bibliotheken besorgt werden. Weit über zwanzigtausend Druckseiten in lateinischer Sprache - vermutlich sogar wesentlich mehr - wurden einer Überprüfung unterzogen.
Der Zweifel war berechtigt, unsere Suche glücklicherweise nicht umsonst. Es fanden sich einige Hinweise dafür, dass Heloïsa aus einer adeligen Familie der Loire-Region stammte. Der Schlüssel lag jedoch in einer Stelle des lateinischen Obituariums des Paraklet-Klosters. Dieses enthielt als einziges Werk Angaben zu Heloïsas Mutter - nämlich den Namen und den Sterbetag. In zwei Totenbüchern aus Chartres fanden wir nach langer Suche korrespondierende Einträge - mit nahezu identischen Angaben:
Hersindis mater domine Heloise abbatisse nostre - Hersendis, Mutter der Herrin Heloïsa, unserer Äbtissin |
Obiit Hersendis de Fonte Ebraudi - Es verstarb heute Hersendis von Fontevraud |
Hersenda monacha S. Marie Fonteebraldi - Hersenda, Nonne von Sainte-Marie in Fontevraud |
Hier war die Rede von der ersten Priorin des berühmten Klosters Fontevraud - unweit von Cande an der Loire - welches um 1100 der Wanderprediger Robert von Arbrissel gegründet hatte. Ihr Name war Hersendis von Champagne. Die Recherche erbrachte weitere Hinweise zum Todestag dieser Frau. So hatte z.B. das alte Martyrologium der Abtei Fontevraud einen entsprechenden Eintrag für den 29. November enthalten. Die Ein-Tages-Abweichung 29. November - 1. Dezember sprach nicht gegen die Identität der Person, an welche hier erinnert wurde. Abweichungen von einem Tag für denselben Todestermin werden in den Totenbüchern des Frühmittelalters häufig angetroffen. Neben Ungenauigkeiten der Kalenderrechnung erklärt sich dies vor allem dadurch, dass die feierlichen Vigilien zu einem Todestermin nach altem Brauch am Vorabend, nach späterem Ritus vor der Morgenmesse des folgenden Tages gefeiert wurden. Viele der Totenbücher wurden in späterer Zeit transskribiert. Dabei wurden meistens die entsprechenden Veränderungen vorgenommen - mit der Folge der Ein-Tages-Abweichung.
Wir ließen nicht locker und dehnten die Recherche aus. Sie erbrachte im Folgenden interessante und überraschende Einsichten in das faszinierende Leben dieser Dame, die aus dem angevinischen Hochadel stammte. Der Familienstammbaum konnte weitgehend rekonstruiert werden. Nach einiger Zeit war klar, dass bezüglich dieser Frau die gesamte Gündungsgeschichte Fontevrauds neu geschrieben werden musste. Es fanden sich in der Tat einige Hinweise dafür, dass Hersendis von Champagne die Mutter Heloïsas war. Beider Lebensgeschichten ergaben in vielen Punkten Parallelen und Übereinstimmungen. Auch zu Onkel Fulbert, zu seinem Weg nach Paris und seinen "alten Tagen" ließen sich Quellen finden.
Die Geschichte Heloïsas und Abaelards erscheint nun stellenweise in einem neuen Licht. Wir haben die Resultate der mehrjährigen Recherche und Analyse in einer Übersichtarbeit zusammengestellt. Durch den beträchtlichen Umfang dieses Berichtes wird die vollständige Veröffentlichung an dieser Stelle leider verunmöglicht: Es handelt sich um eine Arbeit von mehr als 300 Druckseiten, mit über 900 Anmerkungen, Fußnoten und Bildern.
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Die Arbeit richtet sich in erster Linie an den geschichtsinteressierten Leser, der bereits den berühmten Briefwechsel des Paares kennt und sich von der Sublimität der Gedanken und der Religiosität und Leidenschaftlichkeit einer vergangenen Welt hat in den Bann ziehen lassen. Vielleicht will der Leser nun mehr wissen - über Heloïsa, Fulbert, ihre Familie und Herkunft. Das Buch spannt einen weiten Bogen, von der Mitte des 11. bis zur zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Neben neuen, bisher nicht veröffentlichen Erkenntnissen zur Familiengeschichte Heloïsas findet sich auch eine komplette Biographie der Hersendis de Campania und zahlreiche weitere Hintergrundinformationen zur Geschichte Heloïsas, Abaelards und des Paraklet-Klosters, die bislang nicht oder nicht in entsprechendem Zusammenhang publiziert wurden.
Heloïsas Herkunft: Hersindis Mater ISBN 3-7892-8070-4 Das Buch ist direkt beim Verlag: www.olzog.de, im Internet-Buchhandel und in den deutschen Fachbuchhandlungen erhältlich. Es wird darauf hingewiesen, dass mit der Publikation - ebenso wie mit den vorliegenden Webseiten - keine primär kommerziellen Ziele verfolgt werden, d.h., der Ladenpreis deckt lediglich die Herstellungs-, Druck- und Vertriebskosten.
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Fulbert und die Reliquie des Heiligen Ebrulf
In seinem 6. Buch referierte er über die Geschichte seines eigenen Konvents und berichtete, dass zur Zeit Hugos, des Großen, des Sohnes König Roberts I. und Vaters von Hugo Capet (895 - 956) die Gebeine des Heiligen Ebrulf, Saint-Evroult, nach Orléans entführt wurden. Zur Zeit König Ludwigs VI. habe in Paris ein Kanoniker namens Fulbert gelebt, der einen intakten Wirbelknochen des Heiligen Ebrulf besessen, ihn aber aus Angst vor Verfolgung seinem Konvent zurückgegeben habe. Hier der genaue Wortlaut der Passage: "Während der Herrschaft König Ludwigs lebte in Paris ein Kanoniker namens Fulbert, der einen intakten Knochen aus der Wirbelsäule des Heiligen Ebrulf besaß. Diesen hatte ein Kaplan aus der Kapelle König Heinrichs I. von Frankreich entwendet und ihm vor langer Zeit als Liebespfand überlassen. Weil Fulbert
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aus verschiedenen Gründen sich ängstigte, diesen zu besitzen, wandte er sich unter Vermittlung Fulkos, eines Priesters von Maule, an Wilhelm von Montreuil, den Prior von Maule, und übergab ihm die Reliquie, damit er sie in das Kloster des Heiligen Ebrulf bringe. Jener nahm voller Freude das Geschenk entgegen, und erfüllte den Auftrag so schnell als möglich. Während er eilends heimreiste, erfuhr er die Hilfe des Heiligen Ebrulf. Denn der besagte Prior hatte unwissentlich Gift gegessen, das beim Weiterreiten sich in seinen Gliedern und Eingeweiden ausgebreitete. Als jener fühlte, dass der Tod ins Herz kroch, rief er voller Angst zu Gott und bat ihn, wegen der Verdienste des Heiligen Ebrulf Erbarmen mit ihm zu haben. Nach diesen Bitten und Gelübden spuckte er plötzlich das Gift aus, gesundete in Kürze und dankte seinem Retter. Die Reliquie händigte er dem Kloster des Heiligen Ebrulf voller Freude aus und schloss diese geziemend in ein silbernes Reliquiar ein." 184 Soweit der Bericht des Ordericus Vitalis. Die Textstelle war bereits von A. Duchesne in seiner Abaelard-Erstausgabe vermerkt, jedoch nicht weiter kommentiert worden.185 Wie ist diese Geschichte zu interpretieren? Der Handel mit Reliquien war eines der weitverbreiteten Übel der Epoche. Es gab keine Kirche, die nicht irgendeinen Zahn oder einen Knochen eines Heiligen in Besitz hielt. Durch die Kreuzzüge gewann das schon vorher florierende Geschäft mit den Reliquien noch an Dynamik. Nun drehte es sich um ein Stück der Dornenkrone oder des Kreuzes Christi,186 um die Lanze, mit der er gestochen worden war, etc. Die Menschen glaubten mit Inbrunst an die Wundertätigkeit dieser Dinge, die Kirchen und Kapellen machten treffliche Umsätze. Ordericus Vitalis erzählte uns also keine ungewöhnliche Geschichte. Das besondere daran sind nur die erwähnten Personen und der Weg, den die besagte Reliquie nahm. Zunächst gab uns Ordericus eine authentische Bestätigung, dass Fulbert überhaupt existierte und ein Kanoniker war. Es gibt keinen Zweifel, dass es sich dabei um Heloïsas Onkel handelte. Denn er war der einzige Kanoniker dieses Namens in Paris zur Zeit König Ludwigs VI. Fulbert hatte die Reliquie des Heiligen Ebrulf von einem Kaplan aus der Kapelle König Heinrichs I. von Frankreich erhalten, der sie ihm einst pro amoris pignore - als Liebespfand - überlassen hatte. Dieser im Mittelalter häufig gebrauchte terminus gibt Rätsel auf. Wir können nicht sicher sein, dass es sich um eine rein ideelle Zuneigung handelte. Später jedenfalls hatte Fulbert Grund, die Reliquie loszuwerden. Offensichtlich hatte er Angst - timens -, weiter in ihrem Besitz zu bleiben. Man braucht wenig Phantasie, um zu erkennen, dass Fulbert vor allem zur Zeit des Untersuchungsverfahren in Sa -
184 Siehe Anhang. Aus: Ordericus Uticensis (Vitalis), Historia ecclesiastica, Pars II, Buch VI, zitiert aus PL Band 188, Spalte 496; in Auszügen auch bei Mabillon J., Acta sanctorum, Band 5, Paris, 1668-1701, Seiten 227ff. 185 Fußnote in PL Band 168, Spalte 127. 186 Im Jahre 1108 schickte ein ehemaliger Kanoniker von Notre-Dame namens Ansellus aus Jerusalem ein Kreuz nach Paris, das aus dem Kreuzesholz Christi bestanden haben soll. Auf Anfrage berichtet er, dass es damals 17 (!) Versionen davon gegeben habe. Trotzdem zweifelte er nicht an der Echtheit der Reliquie. Siehe Lasteyrie, R. de, Cartulaire Générale de Paris, Tome premier 528-1180, Paris, 1887, Seite 171ff. |
chen Abaelard Grund hatte, eine Anklageerschwernis bzw. zweite Anklage wegen Reliquienhehlerei zu vermeiden. So nahm er mit der nächstgelegenen Niederlassung des Klosters Saint-Evroult Kontakt auf, mit dem Priorat von Manlia, heute Maule, einige Kilometer westlich von Paris. Ein ihm bekannter Priester namens Fulko vermittelte den Kontakt mit dem dortigen Prior, Wilhelm von Montreuil. Dieser nahm freudig den Knochen entgegen, um ihn an sein Mutterhaus weiterzuleiten. Er hätte dies beinahe mit dem Leben bezahlt. Beim Ritt in die Normandie wurde er von einem heftigen Unwohlsein ergriffen. Der Prior vermutete selbst eine Vergiftung und schrieb seine Rettung dem Heiligen Ebrulf zu. Nach heftigem Erbrechen und Anrufung des Heiligen überlebte er und konnte seine Mission vollenden. Man kann davon ausgehen, dass Ordericus' Bericht auf relativ exakter mündlicher Information beruhte, lebte er doch zur Zeit dieses Vorkommnisses im Kloster des heiligen Ebrulf und verfügte mit Sicherheit über eine authentische Schilderung des betroffenen Priors. Es ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass Fulbert durch einen Giftanschlag versuchte, sich des wundertätigen Knochens wieder heimlich zu bemächtigen. Entsprechende kriminelle Energie hatte er auch bei der Kastration Abaelards an den Tag gelegt. Giftanschläge dieser Art waren damals nicht ungewöhnlich, vermutlich waren ihre Symptome genau bekannt.187 Andererseits konnte der Prior von Maule auch an einer akuten Magen-Darm-Entzündung gelitten haben, die ähnliche Symptome zeigte. Wie dem auch sei - für uns ist diese Episode aus dem Leben Fulberts in anderer Hinsicht wichtig:
Zeichnen wir zunächst mit Ordericus Vitalis das Schicksal der Gebeine des Heiligen Ebrulf nach. Der Heilige Ebrulf,
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TEIL I: HELOÏSA
Die Diskretion Abaelards Die Hochzeit und ihre Folgen Das Verfahren gegen Fulbert Abaelard und Heloïsa brechen ihr Schweigen Die politische Ordnung in Frankreich vor 1100 Die Information aus dem Paraklet Hersendis - Mutter Heloïsas Die Gedenkfeiern des Paraklet Fulbert und die Reliquie des heiligen Ebrulf Fulberts Kontakte zu Marmoutiers Die Übereinstimmung TEIL II: HERSENDIS VON CHAMPAGNE
Hersendis von Champagne und Robert von Arbrissel Hersendis' Vorfahren Fontevraud - die Ausgangslage Hersendis fundatrix Fontevraud - der genius loci Hersendis aedificator Hersendis priorissa Der Tod der Gründer Fontevraud und Fulko V. Die Folgen Die Rolle von Schuld und Sühne Hersendis von Champagne und Heloïsa Fulko der Verdrießliche Bertrada von Montfort Heloïsas Vater TEIL III: FULBERT
Heloïsas Eintreffen in Argenteuil Fulbertus canonicus Der Investiturstreit in Frankreich Die letzten Tage von Fulbert Der Bruder des Königs TEIL IV: NACHLESE
Verbindungen zu den Grafenhäusern Die mit dem Paraklet befreundeten Konvente Abaelards Äusserung zu Robert von Arbrissel Petrus Venerabilis und Heloïsa Fontevraud und der Paraklet RESÜMEE LITERATURNACHWEIS BILDNACHWEIS ANHANG
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[Zurück zum Seitenanfang] Datum der letzten Aktualisierung: 4.12.2003
Die jeweils jüngsten Einträge finden sich zu Beginn der Aufstellung.
Nahezu zeitgleich mit den Recherchen zum vorliegenden Buch erarbeitete der
Historiker Peter Joseph Burkholder aus der Arbeitsgruppe des bekannten
amerikanischen Angevinisten Bernard Bachrach in einer Dissertation die komplette Genealogie und
zeitgeschichtliche Bedeutung der Familie Campania-Durtal. Seine Arbeit
erschien im Jahr 2001 unter dem Titel: The
Birth and Growth of an Angevin Castellany: Durtal in the Eleventh and Twelfth
Centuries, Diss. University of Minnesota, Dec. 2000, Microform Edition UMI
9991393, Ann Arbor 2001.
Leider kam uns diese Arbeit, ebenso wie andere Arbeiten aus der Forschungsgruppe
Bernard Bachrachs, erst relativ spät, lange nach Drucklegung des
vorliegenden Buchs, zur Kenntnis.
Die sorgfältige Analyse Burkholders, die einschließlich des
ausführlichen Quellenapparats mehr als 550 Seiten im Großformat umfasst, lässt kaum eine
Frage zur Thematik offen. Burkholder gibt mehrere zusätzliche Quellen an, die
uns für die eigene Veröffentlichung nicht zur Verfügung standen. Neben einigen Übersichtsartikeln
handelt es sich um die relativ aktuellen, für Durtal
spezifischen Arbeiten von Marcel Deyres (Les origines des châteaux de
Mouliherne et de Durtal, in: Mémoires de l'Academie d'Angers, 1984, S. 279-288),
Anne Decary (Le château et le bourg de Durtal du milieu du XIe à la
fin du XIIe siècle, in: Les Cahiers du Baugeois, numéro spécial, November 1991)
und Florent Souday (Les campagnes entre Durtal et La Flèche aux XIe et
XIIe siècles, Mémoire de Maîtrice, Université d'Angers 1994).
Am allerwertvollsten war uns jedoch der Verweis auf eine Quelle, die, obwohl für die Erforschung der Genealogie des Hauses Campania-Durtal von erheblicher Bedeutung, der gesamten französischen Mediävistik, die sich mit der mittelalterlichen Geschichte der Grafschaft Anjou beschäftigt hatte (Halphen, Chartrou, Boussard, Guillot, Decary), bislang entgangen war. Es handelt sich um die Chronique de Parcé (ed. H. de Berranger, Le Mans 1953), die sich als Marginalnote auf 78 Seiten eines mittelalterlichen Messbuchs erhielt. Der berühmte Kirchenhistoriker Etienne Baluze hatte bereits kurz nach 1711 eine Kopie dieser Chronik anfertigen lassen. Die anfänglich in Latein, für spätere Zeiten auch in Altfranzösisch verfasste Chronik entstand auf Anregung Theobalds von Matheflon, Bischof von Angers zwischen 1324 und 1355, und befasst sich mit der Geschichte seines Stammhauses Campania, an welches auch die Herrschaft Parcé gefallen war. Diese Chronik war bereits Mitte des 13. Jahrhunderts von einem gewissen Pfarrer Gregor aus Parcé begonnen worden, anschließend wurde sie von seinen Nachfolgern bis ins 17. Jahrhundert fortgeschrieben. Da die Chronik zum Teil auf altem Datenmaterial - antiquis chartis atque codicibus ecclesie nostre - basiert, welches bis auf die Gründungszeit Durtals zurückging, heute jedoch verloren ist, stellt sie eine äußerst wertvolle Quelle dar: So finden sich hier Angaben zur Familie der Hersendis von Champagne, die sich anderweitig nicht mehr eruieren lassen. Unproblematisch ist diese Chronik gleichwohl nicht: Leider haben die Verfasser stellenweise sehr nachlässig gearbeitet und auch nachweislich genealogische Irrtümer mit einfließen lassen.
Folgende Passagen der Chronik von Parcé - abgesehen von zahlreichen weiteren
Angaben zum Stammbaum der Häuser Campania und Matheflon -
erscheinen in Zusammenhang mit der vorliegenden Geschichte besonders
erwähnenswert:
Nach dem Tod ihres Gatten Hubert III. von Campania verheiratete sich Hersendis' Mutter Agnes ein
zweites Mal mir dem Ritter Rainald von Maulévrier. Die Chronik berichtet, dass
aus dieser zweiten Ehe kein Nachkomme hervorgegangen sei.
Diese Aussage steht in deutlichem Widerspruch zu der in unserem Buch
vorgebrachten Hypothese, dass Fulbert, der Onkel Heloïsas, ein anderweitig nicht
erfasster Nachkomme aus dieser ehelichen Verbindung gewesen sein könnte.
Allerdings relativiert sich der Wert der besagten Aussage in der Chronik von
Parcé stark, wenn man in Betracht zieht, dass sie speziell zur Absicherung des
Stammbaums derer von Champagne und ihrer Besitzungen verfasst wurde. Somit ist
sie alles andere als eine objektive Quelle: Ihre Verfasser tat gut daran,
alles zu verschweigen, was die Reinheit des Stammbaumes in Frage stellen konnte.
Abkömmlinge, deren Nachfahren aus ihrer Abstammung heraus einen divergierenden Erb- oder
Herrschaftsanspruch hätten ableiten können, konnten bewusst als personae non gratae
mit Stillschweigen übergangen worden sein. Mehr noch: Indem der Chronist gerade auf ihre
Nicht-Existenz verwies, brachte er vielleicht anderslautende Gerüchte zum Erliegen.
Letztere Konstellation kann für den besagten Satz in der Chronik von Parcé den Ausschlag gegeben haben.
Bedeutsam erscheint uns diese Passage aus zwei ganz anderen Gründen:
Soweit die hier interessierenden Passagen der Chronik von Parcé. Eine Anmerkung
am Ende:
Der Besitzer des Manuskriptes der Chronique von Parcé, der es 1711
durch seine Frau dem Kirchenhistoriker Etienne Baluze zukommen ließ, war
der Enkel von Jacques III Barrin Marquis de la Galissonière (1614-1683),
des ehemaligen Herrn des Schlosses von Le Pallet, in dem einst Peter Abaelard
geboren worden war. Er hieß seinerseits Jacques-François Barrin Marquis de la
Galissonnière, wurde im Jahr 1667 geboren und entstammte mithin der rein
angevinischen Linie der Familie Barrin. Demnach trug er neben dem Titel
des Marquis auch den des Herrn von Parcé-le-Bailleul, Saint-Aubin,
La Guerche und Pescheseul. H. de Berranger gab in
seiner Edition der Chronik für diese Schlüsselfigur der Manuskriptgeschichte
fälschlicherweise den Vornamen Jean-François wieder.
Persönliche
Mitteilung von M. Paul Roucou von der Association Culturelle Pierre
Abelard in Le Pallet.
Die oben genannte Dissertation P. J. Burkholders über die Schlossherrschaft Durtal liefert weitere, wertvolle Informationen zur Lebensgeschichte der Hersendis de Campania: Es folgt eine kurze Aufstellung, in der die wichtigsten Problemlagen jeweils nur kurz angerissen werden:
Laut Ordericus Vitalis (Historia Ecclesiastica) hatte Heloïsas Onkel Fulbert etwa zwischen 1060 und 1070 von einem Kaplan König Heinrichs I. namens Guescelin in Orléans eine Reliquie des Heiligen Ebrulf als Liebespfand - amoris pignus - erhalten. Derartige Reliquien waren damals von einem extremen wirtschaftlichen Wert, sicherten sie doch einem Kaplan oder Domkanoniker reichliche Einkünfte. Fulbert muss zum betreffenden Zeitpunkt noch sehr jung, vermutlich ein Kind gewesen sein, der betreffende Kaplan dagegen bereits ein alter Mann. Zwischen beiden - Fulbert und Guescelin - bestand aufgrund des Charakters des Geschenks wohl ein sehr inniges Verhältnis. Ordericus' Ausdruck pignus amoris - ein damals häufig verwendeter terminus der gehobenen Klerikersprache - konnte u. U. ein wenig erfreuliches Phänomen beschrieben haben: Homosexualität und Pädophilie sind am Dom von Orléans durch einige Quellen belegt.
Daraus leiteten wir die Vermutung ab, Fulbert konnte bereits als Kind - prädestiniert für eine spätere klerikale Laufbahn - einer der Chorknaben des Doms Sainte-Croix von Orléans gewesen sein (siehe Buch, Seite 75f.). Dies beschreibt eine der denkbaren Varianten zum Verbleib Fulberts, der in direkter Namensnennung in den späteren Urkunden der Familie Champagne nicht auftaucht. Zu einer derartigen Kinderkarriere brauchte er allerdings einflussreiche Fürsprecher.
Diese Hypothese erhält nun durch einen ganz besonderen Umstand, der uns zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buchs in dieser Tragweite noch nicht bekannt war, weiteren Auftrieb:
Über drei Generationen - von 1021 bis 1067 - war der Bischofstuhl von Orléans fest in Händen von nahen Verwandten der Hersendis von Champagne: 1. Odolrich, Bischof von 1021 bis 1033, war der Sohn ihrer Ururgrossmutter Heloïsa von Blois gewesen. 2. Isembart, Bischof von 1033 bis 1063, war der Sohn ihres Urgroßvaters Isembart von Lude, Broyes und Pithiviers, und 3. dessen Nachfolger Haderich war der Sohn Hugo Bardouls und der Vetter ihres Vaters Hubert II. von Champagne. Wie eng das Episkopat von Orléans damals mit diesem Zweig des Hauses Champagne verknüpft war, zeigen die wenigen erhaltenen Urkunden, die fast alle die großzügigen Benefizien dieser Familie belegen (Siehe GC, Band VII, Ecclesia Aurelianensis, Spalte 1434ff). Der bereits bei Odolrichs Wahl auftauchende und nie verstummende Vorwurf der simonistischen Amtserschleichung führte schließlich zur Absetzung Haderichs im Jahre 1067: Er wurde zum einfachen clericus degradiert und durch einen insuspekten Nachfolger, Rainer aus Flandern, ersetzt.
Demnach ist es leicht möglich, dass der kindliche Fulbert noch vor 1067 - also entweder unter Bischof Isembart oder seinen Neffen und Nachfolger im Bischofsamt Haderich - puer am Dom von Orléans wurde. Eine Carta aus dem Jahre 1063, also exakt aus der Zeit, in welcher Fulbert am Dom von Orléans zu vermuten ist, befasst sich wieder einmal mit Benefizien aus dieser Isembart-Linie von Hersendis' Familie. Sie belegt die Existenz von juniores canonici, außerdem von pueri am Dom von Orléans. Erwähnt ist expressis verbis ein Goffridulus puer filius Tetbaldi in der Funktion eines Wächters am Tor vom Chor des Doms zum Kapitelsaal - eine der zahlreichen Aufgaben der Chorknaben. Gottfried und Theobald sind übrigens Namen, die ebenfalls in Hersendis' Familie häufig auftauchten. Der Name Fulbertus erscheint leider nicht unter den Unzeichnern dieser bedeutsamen Urkunde. Doch dies muss nicht viel bedeuten, hatten doch die allerwenigsten der erwähnten 22 Kanoniker überhaupt unterzeichnet (siehe GC, Band VII, Instrumenta ecclesiae Aurelianensis, Spalte 495).
Dagegen darf darüber spekuliert werden, ob die ebenfalls in dieser Urkunde unterzeichnenden Henricus capellanus und Drogo sacerdos dem besagten Kaplan Guescelinus und dem ihm unterstellten Kleriker Drogo entsprachen. In einer Urkunde König Heinrichs I. aus dem Jahre 1052 war nämlich dieser Kaplan unter dem Doppelnamen Guescelinus Haincus - vermutlich verderbt Henricus - Seite an Seite mit Bischof Isembart und dem angevinischen Grafen Gottfried Martell und seiner Gattin Grecia I. von Montreuil-Bellay erwähnt worden: Gaufredus comes Andegavensis, Gricia uxor sua ... Isembardus Aurelianensis Episcopus ... Guescelinus Haincus Regis Capellanus. (Carta König Heinrichs I. von Frankreich über die Freilassung eines gewissen Salicus aus dem Jahre 1052, in: Delisle L. et al. (ed.), Recueil des historiens des Gaules et de la France, Tome XI, Paris, Seite 590) Allerdings könnte Haincus auch als verderbter Genitiv für Henrici regis gestanden haben. Dass der Kaplan mit einem Kleriker namens Drogo assoziiert war, entnimmt man einer anderen Carta aus dem Jahre 1055, erneut aus dem Umfeld des angevinischen Grafen: ...Guiscelinus capellanus regis, Drogo clericus ejus... (Carta 17 Vertrag zwischen Marmoutiers und Gottfried Martell unter Bezeugung König Heinrichs I., in: Trémault, M. de, Cartulaire de Marmoutiers pour les Vendômois, Paris, Vendôme, 1893, Seite 192ff.). Wenn eine Identität dieser Personen vorliegt, dann wäre der Kaplan Guescelinus (Henricus) direkt als Kapitelmitglied und Kaplan der Königskapelle im Dom bezeugt - also genau dort, wo er Fulbert in der Rolle als puer hätte kennen lernen können. Da die besagte Reliquie des Heiligen Ebrulf nachweislich nicht im Dom lagerte, sondern in der kleinen Ebrulf-Kapelle am Osttor der Stadt Orléans, die im Eigenbesitz des Königs stand, brauchte besagter Kaplan einen dortigen Stellvertreter - vielleicht jenen Drogo. Vermutlich gab es weitere königliche Kapellen, die zu verwalten waren, z.B. Saint-Hilaire, von König Robert dem Frommen erbaut, oder Saint-Louis, eine Kapelle, die unmittelbar an die Königsresidenz im Südwesten des Stadtareals, an das Châtelet, anschloss.
Nach der Relegation Bischof Haderichs am Dom von Orléans - der eigentliche Anlass seiner Amtsenthebung bleibt unklar, er blieb als einfacher Kleriker Mitglied des Domkapitels - tauchte wenig später ein Fulbertus monetarius am Dom von Angers auf - an dem Dom, zu dem das Haus Champagne ebenfalls beste Beziehungen hatte (siehe Buch, Seite 193f.). Sollte Fulberts "Kirchenkarriere" in Orléans durch die Absetzung seines Großvetters verunmöglicht worden sein, so dass er zurück in seine Heimat nach Angers wechselte?
Scimus, fratres karissimi, quia doletis de pissimum patrem quam amisistis in hac luce; sed credimus quot regnat in eternat beatitudine; nos tamen sumus sociate vestre dolori, quia erat nobis pius atque dilectus, et juxta Johannis vocem, Deus karitas est; propter hoc inpendimus ei modicum beneficium de caritati dulcedine: hec sunt ccc psalteria et totidem vigilias. Orate pro piissimo patre nostro Roberto, et pro Hersende karissimea (a) matre nostra, pro domno Petro Pictavensis episcopo, et pro Leodegario archiepiscopo...
Es handelt sich hier um eines der wenigen Dokumente, welches Hersendis von Champagne gleichrangig neben Robert von Arbrissel auswies. Der Eintrag stammte vermutlich von einer wohlgesonnenen Nonne oder einem der Konventsgeistlichen, welche allerdings kaum des Schreibens mächtig waren. Schon Delisle hatte darauf hingewiesen, wie orthographisch ungenügend dieser Eintrag der Totenrotel ausgefallen war, und hatte daraus auf den niederen Bildungsgrad des Schreibers und somit der Nonnen von Fontevraud geschlossen. Das Ausmaß der Kommemoration muss allerdings schon überraschen: Je 300 Psalterien und Vigilien zu Ehren des toten Abtes repräsentieren die Aktivität eines großen und vielfach untergliederten Konventes zu Ehren eines toten Freundes.
Omnipotens pius et misericors Deus animam venerabilis patris vestri Vitalis aliorumque fratrum vestrorum dignetur absolvere ab omni vinculo delictorum eisque donare dignetur vitam et requiem sempiternam in sorte electorum et requie beatorum. Oravimus pro vestris, orate pro nostris, domno Roberto, domna Hersindi, Bertrea, Agnete, Ausendi, Judith, Aia, monialibus; Rainerio, Ilario, Evraudo, sacerdotibus; Stephano, Roscia monacha, et ceteris omnibus fratribus ac sororibus nostris.
Anima domni Abbatis et anime omnium fidelium defunctorum in pace vera, qui Xpi(stus) est, requiescant. Oravimus pro vestris, orate pro nobis et pro nostris, Balduino comite, Basilia abbatissa, Adela abbatissa, Judit abbatissa, Helvide (mo darübergeschrieben), Adela (mo darübergeschrieben), Eremburge (decana darübergeschrieben), Adelaidis, Havide, Dodone (laice darübergeschrieben) et omnibus quorum nomina Deus in libro vite scribat. Amen.
Interessant ist auch der Verweis auf eine verstorbene Nonne namens Helvidis. Sie trug demnach Heloïsa's Namen in der altertümlichen, aber damals auch durchaus noch üblichen Variante. Vielleicht kam auch diese Nonne als Namensvorbild oder gar Namensgeberin für die kleine elternlose Heloïsa in Frage. Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass vor 1100 der Name Heloïsa und seine Varianten eine äußerste Seltenheit darstellten.
Dieselbe Carta weist einen Mönch dieses Klosters namens Isembard als Onkel Huberts väterlicherseits aus, Er hatte wiederum einen Sohn gleichen Namens: Isembardus Juvenis. Er handelt sich bei ersterem um den vormaligen Herr von Troada (fr. Troée). Damit ist die Verwandschaft des Hauses Campania zu einem weiteren Adelshaus, dessen Mitglieder immer wieder mit den Vorfahren der Hersendis von Campania Urkunden zeichneten, belegt. Der Sitz Troée kann heute nicht mehr zweifelsfrei lokalisiert werden. Nach dem Cartularium von Saint Aubin lag er entweder in unmittelbarer Nähe von Durtal, oder er entspricht dem Ort Trôo im Vendômois, ca. 77 km von Durtal am Oberlauf des Loir entfernt. Siehe: Picard A., Cartulaire du Saint-Aubin, Paris, 1903, Seite 336.
Die Carta unterzeichneten auch so berühmte Leute wie Graf Fulko V., der spätere König von Jerusalem, seine Schwester, Ermengard, Gräfin der Bretagne, Bischof Marbod von Rennes, Gottfried von Laval und Gottfried von Briollay, eine weiterer Verwandter des Hauses Campania.
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