Dieses Land (die Bretagne) bringt Kleriker hervor, die einen scharfen Verstand und Sinn für die Künste haben, aber ziemlich dumm in anderen Geschäften sind, wie zum Beispiel die zwei Brüder Bernhard und Thierry, hochgelehrte Männer... Otto von Freising, Gesta Friderici
Thierry von Chartres war berühmt wegen seiner Bildung in den freien Künsten, vor allem in der Mathematik. Es darf darüber spekuliert werden, ob er Abaelard durch dessen Studium von Chartres her kannte. Eine einem Manuskript eines Werkes Abaelards angeheftete Anekdote deutet darauf hin. Allerdings haben wir keinen Hinweis darauf, dass Abaelard in der Mathematik besonders bewandert gewesen wäre. Trotzdem scheint Thierry von Chartres mit jenem Meister Thierry - Terricus - identisch zu sein, der beim Konzil von Soissons neben Gottfried von Lèves als einziger zur Verteidigung Abaelards das Wort erhob und den päpstlichen Legaten verspottete. Er muss somit als Verteidiger Abaelards verstanden werden:
Ich wurde vor das Konzil gerufen, und ohne Untersuchung, ohne Prüfung zwang man mich, mein erwähntes Buch mit eigener Hand ins Feuer zu werfen. Und so ward es verbrannt. Doch damit es nicht so aussah, als ob man nichts zu sagen habe, murmelte einer meiner Widersacher leise, er habe in dem Buch den Satz gefunden, Gott-Vater allein sei allmächtig. Als er das vernahm, antwortete der Legat sehr erstaunt: dass jemand sich so irre, dürfe man ja nicht einmal einem Kinde zutrauen, da doch der gemeinsame Glaube festhalte und bekenne, dass alle drei Personen der Gottheit allmächtig seien. Daraufhin zitierte ein gewisser Thierry, Vorsteher einer Schule, höhnisch den Satz des Athanasius: "Und dennoch nicht drei allmächtig, sondern einer allmächtig." Und als ihn sein Bischof zurechtweisen und wie einen Angeklagten zum Schweigen bringen wollte, als hätte er eine Majestätsbeleidigung ausgesprochen, hielt er tapfer stand und sprach wie ein zweiter Daniel, indem er seine Worte zitierte: "Seid ihr von Israel solche Narren, dass ihr einen Sohn Israels verdammt, ehe ihr die Sache erforschet und gewiss werdet? Kehret wieder um vors Gerichte (Sus. u. Dan. 13,48f) und richtet den Richter selbst. Denn der Richter, den ihr eingesetzt habt zur Unterweisung im Glauben und zur Beseitigung des Irrtums, der hat sich selbst gerichtet durch seinen eigenen Mund, da er andere richten sollte, während heute die göttliche Barmherzigkeit einen offenbar Unschuldigen - wie einst Susanna - von seinen falschen Anklägern befreit"... Abaelard, Historia Calamitatum