An dieser Stelle soll eine kurze Lebensbeschreibung genügen - mit besonderer Berücksichtigung der Affäre Abaelard, aber ohne Angabe von Quellen oder nähere Begründungen.
Heloïsas Onkel Fulbert war Domkanoniker von Notre-Dame. Als Subdiakon vom Titel Saint-Christophe bekleidete er als einer von elf Subdiakonen insgesamt das niedrigste Amt der höheren Weihen, welches ihn zu Ehelosigkeit oder - im Falle vorheriger Verheiratung - wenigstens zur absoluten Enthaltsamkeit verpflichtete. Damit verlangte der Kirchenkanon jedoch nicht von ihm, dass eine frühere Ehe aufgelöst werden musste. Dennoch ist über eine entsprechende Verheiratung Fulberts nichts bekannt. In Abaelards Lebensbeschreibung findet sich darüber nicht der geringste Hinweis. Fulbert war Heloïsas Onkel mütterlicherseits. Über die Familie Fulberts und Heloïsas ist wenig bekannt. Vermutlich stammte sie aus dem Anjou. Heloïsas Mutter könnte Hersendis von Champagne gewesen sein, die spätere erste Priorin von Fontevraud. Fulbert erwarb nach 1097, aber noch vor 1102, unter Protektion des Hauses Montfort die begehrte Pfründe am Dom von Paris. Es war Bischof Wilhelm von Montfort, der ihn ins Domkapitel aufnahm - vermutlich auf Anraten seiner Schwester Bertrada von Montfort, der zweiten Frau König Philipps I., die ihrerseits mit Hersendis von Champagne befreundet war.
Bei der Kirche Notre-Dame handelte es sich nicht um die heutige Kathedrale, deren Erbauung erst ein Jahr vor dem Tode Heloïsas, im Jahre 1163, begann, sondern um einen romanischen Vorgängerbau. Um sie herum gruppierte sich eine kleine klerikale Stadt. Das eigentliche Cloître oder Klaustrum nahm das äußerste Ende der Pariser Seine-Insel nordöstlich des Domes ein, mit weniger als 40 stiftsherrlichen Anwesen. Fulberts Domizil lag jedoch entgegen viel geäußerter Ansicht nicht in diesem Stiftsherrenhof, sondern im belebten Innenstadtbezirk, der Cité oder civitas - vor den Toren der Kathedrale, in unmittelbarer Nähe des Parvis Notre-Dame und der Hospitalkirche Saint-Christophe, über deren Subdiakonat Fulbert ins Domkapitel eingetreten war. Hier lag auch auch der berühmte Dialektik-Lehrstuhl Wilhelms von Champeaux, den später Abaelard übernahm. Der Lehrstuhl war nicht nur wegen seines wissenschaftlichen Renommees sehr attraktiv, sondern auch aus ökonomischen Gründen: Seit 1099 war er mit der Stiftung für die mittellosen, aber begabten Kleriker von Paris assoziiert und deshalb "krisenfest" dotiert.
Das Haus am Quai aux Fleurs in Paris, welches heute den Interessenten als Maison de Fulbert gezeigt wird, hat mit der Geschichte Heloïsas und Abaelards nicht das Geringste zu tun; dass hier Fulbert und Heloïsa einst lebten, ist nur eine romantische Legende. Ebenso wenig lag hier die so genannte, im Zusammenhang mit Abaelard immer falsch apostrophierte Domschule von Paris, deren Gründung erst in die Zeit nach Abaelards erstem Aufenthalt in Paris fiel, in das Jahr 1127.
Fulbert lebte also ganz woanders, im Kanoniker-Viertel extra muros - mit seiner Nichte Heloïsa, die er wohl zur Zeit ihrer Pubertät aus dem Kloster Argenteuil zu sich nach Paris geholt hatte. Für einige frühere Historiker erschien es erstaunlich, dass sich ein Onkel derartig um die Erziehung seiner Nichte kümmerte; man vermutete, dass Heloïsas Eltern bereits gestorben waren, zum Teil sogar, dass Fulbert ihr leiblicher Vater war. Die letztere Angabe ist nach den eigenen Recherchen in keiner Weise haltbar. Nichtsdestotrotz stand die Großzügigkeit Fulberts seiner Nichte gegenüber in einem gewissen Gegensatz zu den Attributen, die ihm Abaelard in der Historia Calamitatum zuschrieb, vor allem zu seinem ausgemachten Geiz:
Heloïsa war ein sehr gelehriges Mädchen, dessen Bildung bereits damals über die Krondomäne hinaus Aufsehen erregt hatte. Sie sollte also ab ca. 1116 durch die Dienste Peter Abaelards die Ausbildung fortgeführt bekommen, die schon vorher in Argenteuil begonnen worden war.
Peter Abaelard ließ sich in dem seinem Lehrstuhl unmittelbar benachbarten Haus nieder und begann in den folgenden Wochen und Monaten sein heimliches Liebesverhältnis zu Heloïsa. Seine Liebe wurde von dem jungen Mädchen heftig erwidert; der Unterricht wurde mehr zum Vorwand für das gegenseitige Verlangen. Dies währte jedoch nicht lange - die Affäre sprach sich herum. Schließlich entdeckte auch Fulbert selbst die verbotene Beziehung. Abaelard schrieb darüber:
Fulbert sann auf Rache. Als er feststellte, dass Heloïsa weg war, geriet er außer sich:
Nach der Entbindung begaben sich Heloïsa und Abaelard erneut nach Paris. Ihr Sohn blieb in den Händen der Schwester Abaelards, die das Kind weiter aufzog. Wenn sie die Hochzeit geheim halten wollten, kam es in der Tat nicht in Frage, das Kind bei sich zu behalten. Die Trauung wurde heimlich vollzogen - vermutlich in der Eigenkirche Stephans von Garlande, der Kanzler des Königs und Archidiakon des Domes in Personalunion war. Es ist anzunehmen, dass die heimliche Trauung in der an der Unfriedung des Cloître liegenden Kirche Saint-Aignan vollzogen wurde. Kurz nach der Eheschließung fingen Fulbert und seine Freunde an, die Neuigkeit der Eheschließung so laut wie möglich hinauszuposaunen. Vermutlich hatte Abaelard sein Wort nicht gehalten und aus Geldnot die versprochene Reparationszahlung verweigert. Die Schmach war öffentlich gewesen; öffentlich sollte nun auch die Wiedergutmachung für Fulbert sein. Da griff Abaelard zu einer Maßnahme, zu der er als Ehemann zwar formell berechtigt war, bei der man aber kaum umhin kommt, sie moralisch zu verurteilen. Sicher wollte er Heloïsa vor den Misshandlungen ihres Onkels schützen, aber die Entscheidung, die er nun traf, schien wohl vor allem von der Sorge um seinen eigenen Ruhm bestimmt gewesen zu sein, von dem Wunsch, dem Klatsch ein Ende zu bereiten:
An diesem Punkt des Berichtes angelangt, fällt es dem Leser der Historia Calamitatum schwer, nicht die Empörung Fulberts und seiner Freunde zu teilen. Wenn Abaelard Heloïsa dazu brachte, ins Kloster zu gehen, so nur deshalb, um ihre Eheschließung zu vertuschen. Heloïsa fungierte in Argenteuil nun nicht mehr als interne Schülerin, wie einst in ihrer frühen Kindheit, sondern als Novizin: Schon trug sie das Ordensgewand, und es fehlte nur noch der Schleier, den sie nehmen würde, wenn sie die ewigen Gelübde ablegte. Die Opferbereitschaft ihrerseits war überragend; der einzige, dem ihr Opfer nützte, war Abaelard.
Nach Ausheilung seiner Wunde wechselte Abaelard schließlich als Mönch nach Saint-Denis und empfing dort die Priesterweihe. Heloïsa nahm zuvor auf sein Geheiß hin den Schleier in Argenteuil. Die Verbindung zu Fulbert brach wohl über lange Jahre ab.
Nach einer Analyse der Urkunden von Notre-Dame verlor jedoch Onkel Fulbert nicht - wie vielfach behauptet - seine Würde als Subdiakon. Er kam mit der relativ geringen Strafe einer Bußzahlung davon. Mindestens bis 1124 ist er als Mitglied des Domkapitels von Paris nachweisbar. Vermutlich trat er danach aus Altersgründen ins Stift Saint-Victor am linken Seine-Ufer ein und wurde sehr alt.
Durch einen Bericht des normannischen Geschichtsschreibers Ordericus Vitalis vefügen wir über den authentischen Beweis, dass Fulbert während seines Kanonats in Paris auch eine Jugendsünde - nämlich Reliquienhehlerei - hatte wieder gut machen wollen. Vermutlich war er als Kind Chorknabe am Dom von Orléans gewesen und hatte von einem ehemaligen Kaplan König Heinrichs I. namens Guescelin einen Knochen des Heiligen Ebrulf geschenkt bekommen. Eventuell hatte dieser Kaplan päderastische Neigungen gehabt. Da die Reliquien des Heiligen im betreffenden Zeitabschnitt - weit vor 1100 - zwischen Orléans und Angers wechselten, ist Fulberts frühe Anwesenheit in die Loire-Region weitgehend belegt. Darauf deuten auch spätere Kontakte zum mächtigen Abt des Klosters Marmoutiers hin, der den Namen Odo trug. Fulbert verhandelte mit ihn über die Kirche Notre-Dame-de-Champs auf dem Montagne Sainte-Geneviève, im Auftrag seines Domkapitels.
Offensichtlich wollte Fulbert zu der Zeit, als er in Sachen Kastration Abaelards in Paris angeklagt wurde, die belastende Ebrulf-Reliquie wieder los werden. Er übergab sie dem nächst gelegenen Priorat von Saint-Evroult in Maule. Als der dortige Prior die Reliquie in sein Mutterkloster zurückbringen wollte, starb er beinahe an einer Vergiftung. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass Fulbert durch einen entsprechenden Anschlag heimlich die Reliquie zurück erhalten wollte. Zumindest sind derartige Giftanschläge in der Krondomäne damals nicht selten gewesen und auch an anderen Beispielen festzumachen. Wie die Sache ausging, ist nicht bekannt. Jedenfalls zeigt Anekdote des Ordericus Vitalis, dass Fulbert nicht nur beim Attentat auf Abaelard eine gewisse kriminelle Energie an den Tag gelegt hatte.
Heloïsa ließ sich in den späten Jahren Fulberts nicht davon abhalten, nochmals den Kontakt zu ihm zu suchen. Sie reiste nach Paris und besuchte Saint-Victor. Es ist nicht sicher, ob sie dabei ihren Onkel noch lebend antraf. Aber nach seinem Tode vereinbarte sie im Stift Saint-Victor, in dem er Onkel wahrscheinlich verschieden war, Kommemorations-Termine für Abaelard und die Nonnen des Paraklet und vermerkte das Ableben ihres Onkels, das ansonsten auch in den Obituarien von Notre-Dame und Saint-Victor festgehalten wurde, im Totenbuch des Paraklet. So kennen zwar nicht sein genaues Todesjahr - es dürfte 1142 gewesen sein -, wohl aber seinen Todestag: Es war es der 23. Dezember.